„Du hast doch noch die gesetzliche Rentenversicherung.“ Der Satz stimmt. Nur tröstet er wenig, wenn man weiß, was die Erwerbsminderungsrente tatsächlich zahlt. Für die meisten Selbstständigen, Freiberufler und auch Angestellten ist die staatliche Absicherung bei Erwerbsminderung schlicht zu gering, um den Lebensstandard zu halten.
In diesem Artikel vergleiche ich, was Erwerbsminderungsrente und Berufsunfähigkeitsversicherung wirklich leisten. Und warum selbst die Kombination aus beidem meistens nicht reicht, wenn keine private BU dazukommt.
Was ist die Erwerbsminderungsrente?
Die Erwerbsminderungsrente (EM-Rente) ist eine Leistung der gesetzlichen Rentenversicherung (DRV). Sie greift, wenn du aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kannst. Allerdings nach ganz anderen Regeln als eine private BU. Höhe und Voraussetzungen der Erwerbsminderungsrente erkläre ich im eigenen Beitrag Schritt für Schritt.
Volle vs. teilweise Erwerbsminderungsrente
- Volle EM-Rente: wenn du weniger als 3 Stunden täglich irgendeiner Erwerbstätigkeit nachgehen kannst.
- Teilweise EM-Rente: wenn du zwischen 3 und unter 6 Stunden täglich arbeiten kannst. Sie beträgt der Höhe nach die Hälfte der vollen EM-Rente.
Der entscheidende Unterschied zur BU steckt im Wort „irgendeiner“: Die EM-Rente ist nicht berufsbezogen. Es spielt keine Rolle, ob du deinen ursprünglichen Beruf noch ausüben kannst. Wer als Chirurg wegen einer Erkrankung nicht mehr operieren kann, theoretisch aber noch eine leichtere Tätigkeit ausüben könnte, bekommt unter Umständen keine volle EM-Rente. Die DRV darf auf den allgemeinen Arbeitsmarkt verweisen. Bei einer privaten BU zählt dagegen allein, ob du deinen zuletzt ausgeübten Beruf noch ausüben kannst.
Wie viel zahlt die Erwerbsminderungsrente wirklich?
Nach der Statistik der Deutschen Rentenversicherung liegt eine neu bewilligte volle EM-Rente im Schnitt bei rund 1.000 Euro brutto im Monat. Für viele klingt das nach mehr, als am Ende ankommt.
Für jüngere Menschen fällt sie oft niedriger aus, denn die Rentenhöhe hängt von den bis dahin gesammelten Entgeltpunkten ab:
- Kurze Erwerbsbiografie bedeutet weniger Entgeltpunkte und damit eine niedrigere Rente.
- Berufsanfänger mit wenigen Beitragsjahren liegen entsprechend darunter.
- Selbstständige ohne freiwillige Einzahlungen bekommen im Regelfall gar nichts.
Und auf die EM-Rente werden noch Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung erhoben. Netto bleibt also spürbar weniger übrig.
Zurechnungszeit: der oft übersehene Ausgleich
Damit junge Versicherte nicht komplett leer ausgehen, rechnet die DRV seit 2019 eine sogenannte Zurechnungszeit an. Die Rente wird so berechnet, als hättest du mit deinem bisherigen Durchschnittsverdienst bis zur maßgeblichen Altersgrenze weiter eingezahlt. Diese Grenze steigt schrittweise an, liegt aktuell bei rund 66 Jahren und wächst langfristig auf 67. Das mildert die Kürzung für jüngere Menschen deutlich, gleicht sie aber nicht vollständig aus.
Zugangsfaktor: Abschläge bei frühem Eintritt
Tritt die Erwerbsminderung vor der Altersgrenze für den abschlagsfreien Bezug ein, wird die Rente über den Zugangsfaktor gekürzt. Der Abschlag beträgt 0,3 Prozent pro Monat des vorzeitigen Bezugs und ist gesetzlich auf maximal 10,8 Prozent gedeckelt. Weiter als diese Grenze kann die Rente über den Zugangsfaktor also nicht sinken.
Was leistet eine Berufsunfähigkeitsversicherung?
Eine private BU-Versicherung funktioniert grundlegend anders:
- Berufsschutz: Sie leistet, wenn du deinen zuletzt ausgeübten Beruf voraussichtlich für mindestens sechs Monate zu wenigstens 50 Prozent nicht mehr ausüben kannst. Auch dann, wenn du theoretisch in einem anderen Beruf arbeiten könntest.
- Selbst bestimmte Rente: Du legst die monatliche BU-Rente beim Abschluss selbst fest (üblich sind 60 bis 80 Prozent des Nettoeinkommens).
- Keine gesetzliche Wartezeit: Anders als bei der DRV gibt es keinen Mindestbeitragszeitraum. Der Schutz gilt ab dem vereinbarten Versicherungsbeginn.
- Auch für Selbstständige zugänglich: Wer nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung ist, kann sich trotzdem privat absichern.
Der Preis dafür sind die Gesundheitsfragen beim Antrag. Sie entscheiden über Annahme, Zuschläge oder Ausschlüsse. Genau deshalb lohnt es sich, früh abzuschließen, solange die Krankenakte noch dünn ist.
Der direkte Vergleich
| Merkmal | Erwerbsminderungsrente | Berufsunfähigkeitsversicherung |
|---|---|---|
| Leistungsauslöser | Weniger als 3h/Tag jede Arbeit | 50% im zuletzt ausgeübten Beruf |
| Beruflicher Schutz | Nein (Verweisung auf allgemeinen Arbeitsmarkt möglich) | Ja (konkrete Berufsabsicherung) |
| Höhe | Ø rund 1.000 Euro brutto | Selbst gewählt (z. B. 1.500 bis 3.500 Euro) |
| Für Selbstständige | Nur bei freiwilliger Einzahlung | Ja, auch ohne DRV-Beiträge |
| Zugangsbedingungen | 5 Jahre Wartezeit plus 3 Jahre Pflichtbeiträge | Ab dem vereinbarten Versicherungsbeginn |
| Kosten | Beiträge zur DRV (Pflicht) | Privatbeitrag (je nach Alter, Beruf, Gesundheit) |
Reicht die EM-Rente und BU zusammen?
Ein selbstständiger Personal Trainer hat es mir gegenüber in einem Beratungsgespräch auf den Punkt gebracht: „Sobald du ausfällst oder erkrankst, kannst du halt einfach kein Geld mehr verdienen.“ Genau da liegt das Problem. Wer von seiner Arbeitskraft lebt, verliert bei einer Erkrankung nicht nur einen Teil, sondern sein komplettes Einkommen. Die EM-Rente fängt davon nur einen Bruchteil auf.
Wer eine gute BU hat, nutzt die EM-Rente als Zusatzbaustein. Wer nur die EM-Rente hat, riskiert einen massiven Einkommenseinbruch. Ein Beispielszenario macht das greifbar (die Zahlen sind gerundet und dienen nur der Veranschaulichung, im Einzelfall hängt die EM-Rente vom individuellen Versicherungsverlauf ab):
Eine 32-jährige Angestellte mit rund 3.500 Euro netto wird dauerhaft berufsunfähig.
- Ohne BU: Die volle EM-Rente läge grob bei rund 900 Euro brutto, nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge etwa 800 Euro netto. Aus 3.500 Euro werden also rund 800 Euro.
- Mit BU (2.500 Euro vereinbarte BU-Rente): 2.500 Euro plus rund 800 Euro EM-Rente ergeben etwa 3.300 Euro. Das kommt dem bisherigen Einkommen nahe.
Das ist der Unterschied zwischen „irgendwie über die Runden kommen“ und „den Lebensstandard halten“.
Was in dieser Konstellation konkret passiert, also welcher Betrag angerechnet wird und was netto übrig bleibt, liest du hier: EM-Rente und BU-Rente gleichzeitig beziehen.
Wer hat keinen Anspruch auf EM-Rente?
Für die volle EM-Rente brauchst du zwei Dinge: die allgemeine Wartezeit von fünf Jahren und in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre mit Pflichtbeiträgen. Genau daran scheitern viele Selbstständige. Wer aus der Versicherungspflicht raus ist und nicht freiwillig weiter einzahlt, verliert den Anspruch oft schneller, als er denkt.
Selbstständige und Freiberufler, die nicht freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, haben im Regelfall keinen Anspruch auf EM-Rente. Für diese Gruppe ist die private BU die einzige Absicherung der Arbeitskraft. Wer parallel an die eigene Altersvorsorge als Selbstständiger denkt, sollte beides von Anfang an zusammen planen.
Fazit: EM-Rente ist Basisnetz, BU ist echter Schutz
Die Erwerbsminderungsrente ist besser als nichts. Aber sie greift nur im Extremfall, wenn du kaum noch arbeiten kannst, und sie zahlt deutlich weniger, als die meisten erwarten. Eine private Berufsunfähigkeitsversicherung ist die sinnvolle Ergänzung und für Selbstständige ohne DRV-Beiträge oft die einzige echte Option.
Je früher du eine BU abschließt, desto günstiger ist der Beitrag und desto wahrscheinlicher wirst du ohne Zuschläge oder Ausschlüsse angenommen. Ein Blick in den BU-Tarifvergleich zeigt, wie groß die Unterschiede bei Bedingungen und Preis sind.
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Häufige Fragen
Wie hoch ist die Erwerbsminderungsrente 2026?
Eine pauschale Zahl gibt es nicht, weil die Höhe von deinen gesammelten Entgeltpunkten abhängt. Im Schnitt liegt eine neu bewilligte volle EM-Rente laut Deutscher Rentenversicherung bei rund 1.000 Euro brutto im Monat, bei kurzer Erwerbsbiografie entsprechend darunter. Nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge bleibt netto weniger übrig.
Was ist der Unterschied zwischen EM-Rente und Berufsunfähigkeitsversicherung?
Die EM-Rente prüft, ob du überhaupt noch irgendeiner Tätigkeit am allgemeinen Arbeitsmarkt nachgehen kannst. Die BU prüft, ob du deinen zuletzt ausgeübten Beruf noch zu mindestens 50 Prozent ausüben kannst. Die BU schützt also deinen konkreten Beruf, die EM-Rente nur deine grundsätzliche Arbeitsfähigkeit.
Bekommen Selbstständige eine Erwerbsminderungsrente?
Nur, wenn sie die Wartezeit erfüllen und in den letzten fünf Jahren vor der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre Pflichtbeiträge gezahlt haben, etwa über eine freiwillige Versicherung. Wer das nicht tut, hat im Regelfall keinen Anspruch und ist allein auf private Absicherung angewiesen.
Ab wann sollte ich eine BU abschließen?
So früh wie möglich. Der Beitrag richtet sich unter anderem nach dem Eintrittsalter, und mit jeder Diagnose in der Krankenakte steigt das Risiko für Zuschläge oder Ausschlüsse. Wer jung und gesund ist, sichert sich die besten Konditionen.
Zahlt die BU zusätzlich zur EM-Rente?
Ja. Beide Leistungen schließen sich nicht aus. Wenn du berufsunfähig wirst und die Voraussetzungen für beide erfüllst, bekommst du die BU-Rente zusätzlich zur EM-Rente. Genau diese Kombination sorgt dafür, dass dein Einkommen im Ernstfall nah am gewohnten Niveau bleibt. Die private BU-Rente wird auch nicht auf die Erwerbsminderungsrente angerechnet, denn sie gilt nicht als Hinzuverdienst im Sinne von § 96a Abs. 2 SGB VI. Ob umgekehrt dein Versicherer die EM-Rente auf die BU-Rente anrechnet, regelt allein dein Bedingungswerk. Die Details zu Anrechnung, Krankenkasse und Steuer habe ich im Beitrag EM-Rente und BU-Rente gleichzeitig aufgeschlüsselt.